Die knapp 1000 Meter Seehöhe, auf die ich mich bei der Überquerung des Apennin gekämpft hatte, waren mir vor allem anstrengend in Erinnerung geblieben: Steile Anstiege, die eine oder andere Schiebestrecke und viel Schweiß. Kurz: Nichts, was ich dringend in allzu naher Zukunft wiederholen wollte. Beim Blick auf die topographische Karte Korsikas hatte ich deshalb schnell entschieden, mir mit meinen 30kg im Gepäck lieber nur die Ostküste Korsikas anzuschauen und die steilere Westküste ein andermal mit weniger Ballast zu besuchen. Nun aber, da die Fähre nicht fuhr und die Planänderung beschlossen war, standen sie mir doch bevor: 500 Kilometer mit rund 5400 Höhenmetern.
Beim Anblick der zerklüfteten Landschaft, wilden Buchten und weiten Hänge sind alle Anstrengungen jedoch meist schnell vergessen. Nachdem schon die Ostküste Korsikas mich mit ihren einsamen Sandstränden mit türkisblauem Wasser verzaubert hatte, ist die Westküste der Insel sogar noch schöner. Schroff fallen die Felsen teilweise direkt ins Meer ab, die Küstenstraße windet sich Kurve um Kurve an den steilen Hängen entlang. Immer wieder öffnen sich unerwartet breite Täler, in der Ferne tauchen die schneebedeckten Gipfel der über 2000 Meter hohen Berge in der Mitte der Insel auf. Während an der Ostküste in regelmäßigen Abständen riesige, um diese Jahreszeit verlassene Ferienressorts die Küste säumten, gibt es im Westen eher nur kleine Dörfer. Kaum ein Mensch ist außerhalb der größeren Orte anzutreffen – dazu zählen das Bergstädtchen Sartène, Propriano mit großer Bucht, die korsische Hauptstadt Ajaccio, die beiden schon fast im Niemandsland liegenden Orte Cargèse und Piana, im Norden das beschauliche Calvi und schließlich die Hafenstädte L’Île-Rousse und Saint Florent. Die vorhandene touristische Infrastruktur lässt allerdings darauf schließen, dass in den Sommermonaten hier wesentlich mehr los ist.
Mein „Trainingsprogramm“ startet nicht unbedingt sanft: Schon am ersten Tag radle ich 73 Kilometer von Bonifacio in den kleinen Badeort Olmeto Plage und überwinde dabei 1070 Höhenmeter. Doch die Straßen auf Korsika sind gutmütiger als die am Apennin und ich lerne, dass die Steigung den entscheidenden Unterschied macht. In kontinuierlichem Auf und Ab geht es von Bonifacio erst der Küste entlang, später ein bisschen weiter ins Landesinnere und bis hinauf in die Stadt Sartène. Sie gilt als „korsischste aller korsischen Städte“, ihre Häuser schmiegen sich eng an die Hänge, in der Ferne kann man sogar das Meer sehen. Das ist dann auch mein Tagesziel: Nach den vier noblen Nächten im Appartement in Bonifacio will ich endlich die neue Isomatte testen und es mir im Zelt irgendwo in einer Bucht gemütlich machen. Um Kräfte zu sparen, entscheide ich, die Zutaten fürs Abendessen nicht schon im größeren Propiano zu kaufen, sondern im Küstenort Olmeto Plage, wo ich auch einen geeigneten Übernachtungsplatz finden möchte. Laut Google Maps gibt es im Dorf einen Spar, der bis 20 Uhr geöffnet hat.
Doch in Olmeto Plage angekommen, gibt es eine böse Überraschung: Außerhalb der Saison leben hier so wenige Menschen, dass der Supermarkt gar nicht erst öffnet. Zweiter Lerneffekt des Tages also: Traue niemals Google Maps.
So stehe ich zum Tagesende mal wieder etwas planlos in der Gegend herum. Verhungern müsste ich zwar nicht, denn einen Vorrat Spaghetti habe ich noch im Gepäck. Eine junge Familie mit zwei Kindern radelt vorbei und grüßt freundlich. Sie sind schon fast um die Ecke verschwunden, da dreht die Mutter um, und fragt, ob ich etwas suche. Ja, einen offenen Supermarkt, aber ich komme schon klar, antworte ich. Wo ich denn schlafen werde, fragt sie. Etwas verdruckst antworte ich, dass ich mir einen Platz zum Wildcampen suchen wollte – offiziell erlaubt ist das auf Korsika nämlich natürlich nicht. Da meint sie spontan, dass ich mein Zelt doch bei ihnen im Garten aufstellen und mit ihnen zu Abend essen könne – sie wohnen nur ein paar Häuser weiter und drehen eine kleine Feierabendrunde. Was für ein Timing, mein Abend ist gerettet! Nach einer heißen Dusche servieren Celine und Simon ein richtiges Menü: Erst gibt es bei Schinken und Nüssen lokales Bier, dann einen Rohkostsalat, Risotto und Rotwein, schließlich noch verschiedene französische Käse und ein kleines Stück Kuchen. An ihrem Kamin ist es kuschelig warm und im Gespräch mit ihnen lerne ich diese Insel wieder ein bisschen besser kennen. Nachts im Schlafsack werden meine Zehen zwar etwas kalt, die neue Isomatte leistet aber gute Dienste.
Am nächsten Tag führt meine Route nicht direkt an der Küste entlang, sondern durch sanfte bewaldete Hügel mit Blick aufs Meer. An den Bergen hängen die Wolken und es ist frisch. Spätestens auf den letzten Kilometern nach Ajaccio komme ich aber ordentlich ins Schwitzen: Der markierte Radweg entlang der zweispurigen Schnellstraße in die Inselhauptstadt endet recht abrupt auf dem Seitenstreifen dieses Highways. Immer wieder muss ich diversen Autoteilen, die dort ihr Ende gefunden haben, ausweichen, ohne von einem der hupenden und mit Karacho vorbeifahrenden Lastwagen überrollt zu werden. Riesenkreisverkehre samt Baustellen erfordern ebenfalls kreative Manöver. Als ich nach 10 Kilometern endlich im Zentrum von Ajaccio ankomme und in eine Seitenstraße abbiegen darf, bin ich heilfroh. Nicht, dass es sonst Radwege auf Korsika gäbe – aber auf solchen Schnellstraßen mit dem vollbeladenen Rad unterwegs zu sein, ist mir dann doch ein bisschen zu viel.
Zu müde, um noch ein paar mehr Kilometer zu radeln, bin ich trotzdem noch nicht: In Ajaccio treffe ich mich zuerst mit Julie, die ich über die Plattform Couchsurfing kennengelernt habe und bei der ich übernachten darf. Da sie aber bis mindestens sieben Uhr abends arbeiten muss, lasse ich vorerst nur mein Gepäck in ihrem Auto und radle dann völlig lastenfrei Richtung Îles Sanguinaires. Das Fahrrad fühlt sich richtig komisch an ohne die schweren Taschen.
Les Îles Sanguinaires bedeutet frei übersetzt „die blutigen Inseln“, es handelt sich dabei um vier kleine Inseln ganz am Eingang des Golfs von Ajaccio. Nicht nur dank dem genuesischem Turm sind sie ein beliebtes Fotomotiv, sondern wie sie sich da so wild zerklüftet ins Meer strecken, sehen sie wirklich zauberhaft aus. Der „Tour de la Parata“ ist einer von ursprünglich 150 Rundtürmen, die entlang der korsischen Küste ab Mitte des 16. Jahrhunderts von den Genuesen zur Verteidigung gegen nordafrikanische Piraten erbaut wurden. Zwischen den Türmen bestanden Sichtverbindungen, sodass sie über optische Signale kommunizieren konnten. Heute existieren noch 67, doch nicht alle kann man so aus nächster Nähe bestaunen wie den Tour de la Parata bei den Îles Sanguinaires. Ich treffe dort pünktlich zum Sonnenuntergang ein und schließe mich erstmal der kleinen Paparazzi-Crew an. Ebenso wie der rote Schimmer am Horizont schwindet das Licht, es bleibt nur wenig Zeit für einen Spaziergang, bevor ich die zehn Kilometer zurück nach Ajaccio fahre.
Der korsischen Hauptstadt widme ich nur wenig Zeit, für Stadt-Sightseeing bin ich nach diesem Tag einfach zu müde. 1769 wurde Napoleon Bonaparte hier geboren, dementsprechend dreht sich fast alles um den revolutionären Diktator. Mit Julie verbringe ich schließlich noch einen entspannten Abend in ihrem kleinen temporären Zuhause auf dem Campingplatz – sie wollte einfach mal auf Korsika leben und hat sich für ein halbes Jahr hier einen Job gesucht. Zuvor ist sie fast zwei Jahre lang allein von Südfrankreich bis nach Australien geradelt – es gibt also viel zu erzählen.

Hi Julia good to read that you are still cycling! Even Albanie, our favorite! We look forward to your stories! We’re in Letland now, will go on to Tallinn (Estonia), and take the ferry from there to Travemunde. We have still a month to go….
Take care, Ilona and Paules