Meine Ankunft in Bonifacio war zwar nicht optimal (platter Vorderreifen und statt Schlafplatz auf den Klippen doch ein verzweifeltes Einchecken im Hotel), aber nach einer komfortablen Nacht starte ich versöhnlich und hochmotiviert in den Tag. Ich freue mich auf eine Erkundungstour, bevor ich abends die Fähre nach Sardinien nehmen will. Vor ein paar Tagen hatte ich noch die Mittagsfähre im Auge, doch mit einer Reservierung im Hotel in der Hafenstadt auf Sardinien sollte auch die Ankunft im Dunklen kein Problem sein. Ausnahmsweise (!) habe ich also einen richtigen Plan für ganze drei Tage im Voraus: Tagsüber in Bonifacio, dann abends die Fähre von Insel zu Insel, dann drei produktive Tage auf Sardinien, um endlich am Blog zu arbeiten. Doch mit den Reservierungen nimmt das Chaos seinen Lauf…
Erst spaziere ich noch freudestrahlend durch Bonifacio: Die Altstadt liegt auf einer kleinen, parallel zum Festland verlaufenden Landzunge hoch oben auf den weißen Klippen aus Sand- und Kalkstein. Teilweise ragen die Balkone ins Nichts über den Klippen und aus der Ferne meint man, dass die Häuser jeden Moment ins Meer fallen müssten. Zwischen den hohen Felswänden von Landzunge und Festland befindet sich ein natürlicher Hafen. Vom Aussichtspunkt an der Spitze der Landzunge sehe ich die Mittagsfähre nach Sardinien vorbeifahren. Nur 12 Kilometer sind es von Bonifacio bis nach Santa Teresa di Gallura auf Sardinien, die Berggipfel der italienischen Insel bilden eine schöne Kulisse am Horizont.
Mit der Nachricht, die nachmittags vollkommen unerwartet auf meinem Handy aufploppt, rückt Sardinien für mich aber erstmal in weite Ferne: Wegen Schlechtwetter wird die Fähre am Abend nicht fahren. Ich schaue mich erstmal um: Kein Regen in Sicht, ein bisschen windig ist es schon – aber das sollte ja am Meer nicht weiter ungewöhnlich sein, oder?
Ich bleibe also hoffnungsfroh, dass ich es abends doch noch übersetzen kann und setze meinen Spaziergang über die Klippen fort. Ein schöner Wanderweg führt von Bonifacio nach Osten, sodass man einen wunderbaren Blick auf die Stadt bekommt. Allerdings, das muss ich mir dann doch eingestehen, der Wind wird langsam unangenehm. Leicht fröstelnd und etwas griesgrämig kehre ich nachmittags zu meinem Fahrrad in der Altstadt zurück, wo um diese Jahres- und Uhrzeit nicht einmal ein offenes Café zu finden ist. Stattdessen versuche ich also möglichst viel Zeit im lokalen Supermarkt zu vertrödeln, studiere erst das Käse- und dann das Weinregal, will zumindest ein paar weitere Brocken in meinen sehr begrenzten Französischwortschatz aufnehmen.
Gegen fünf Uhr nachmittags wage ich mich schließlich zum Fährhafen. Schon von Weitem ahne ich: Hier ist wohl heute wirklich nicht mehr mit einer Überfahrt zu rechnen. Kein Schiff, keine Autos, nicht einmal andere gestrandete Reisende. Der Mitarbeiter am Schalter hat eine weitere unheilvolle Information für mich: Auch am nächsten Tag (Samstag) werde wegen des starken Windes sehr sicher keine Fähre fahren, am Sonntag könnte es dann vielleicht klappen… Etwas ratlos stehe ich also bereits den zweiten Abend in Folge mit meinem vollbepackten Rad in Bonifacio. Die einzige vernünftige Option, die mir bleibt: Ich checke zum zweiten Mal im gleichen Hotel ein und beziehe sogar dasselbe Zimmer im Appartement, das ich keine 10 Stunden vorher erst verlassen habe. Diesmal zahle ich allerdings gleich für zwei Nächte…
Den windigen Samstag kann ich immerhin für produktive Arbeiten am Laptop nutzen. Doch die Frage im Hinterkopf bleibt: Wann fährt die Fähre wieder? Der Blick auf die Windvorhersage ist nicht unbedingt vielversprechend: Sonntags nur minimal weniger Wind als samstags. Auf der Website des Fährunternehmens kann man für Sonntag immerhin Überfahrten buchen. Trotzdem skeptisch radle ich erstmal ohne Gepäck zum Hafen, wo eine ganze Menge Leute versammelt sind: Die erste Fähre des Tages fährt nämlich schon mal nicht. Ilona und Paules aus den Niederlanden, die mit dem Tandem unterwegs sind und deren Route in den nächsten Tagen ebenfalls durch die sardinischen Hügel führen soll, wissen mehr: Die Chance auf eine Überfahrt am Nachmittag sei nicht schlecht. Um mich nicht im Nachhinein über verpasste Möglichkeiten ärgern zu müssen, checke ich also doch aus und verbringe die nächsten Stunden mit meinen beiden neuen Freunden.
Doch wie heißt es so schön: Aller guten Dinge sind drei. Heißt: Auch am Sonntag zeigt sich keine Fähre im Hafen von Bonifacio, nach vier Stunden Warterei checke ich also zum dritten Mal im altbekannten Appartement ein. Die Hoteleigentümer kennen mich mittlerweile. Den Check-in für Ilona und Paules, die im anderen der beiden Zimmer im Appartement übernachten, darf quasi ich übernehmen…
Es wird also doch ein ganz feiner Abend mit Plaudereien über die Abenteuer des Radreisens. So ganz ausblenden lässt sich das Fährproblem aber doch nicht, denn auch mit der ersten Fähre am Montag ist laut Website nicht zu rechnen. Morgens dann die Ernüchterung beim Telefonat mit dem Hafenpersonal: Ein weiterer Tag ohne Fähre. Und das, obwohl der Wind an diesem Tag mit Abstand am wenigsten stark sein soll. Da hilft nur eines: Alles, was noch vom ursprünglichen Plan übrig ist, wahrlich in den Wind zu werfen. Denn noch weitere Tage auf eine nicht fahrende Fähre zu warten, scheint wirklich nicht zielführend. Das heißt: Ich bleibe wohl doch noch länger auf Korsika und werde die Westküste samt etlicher Höhenmeter in Angriff nehmen.
Ilona und Paules aus den Niederlanden sind mit dem Tandem 6 Monate lang auf einer ähnlichen Route wie ich unterwegs. Ilona ist leider nicht am Bild, sie hat das Foto gemacht.
Ilona und Paules aus den Niederlanden sind mit dem Tandem 6 Monate lang auf einer ähnlichen Route wie ich unterwegs. Ilona ist leider nicht am Bild, sie hat das Foto gemacht.
