Ich bezwinge den Apennin

Ich muss zugeben: Richtig intensiv habe ich mich mit der Geografie Italiens in der Vergangenheit nicht auseinandergesetzt. Berge zum Klettern, Wandern und Schifahren im Norden, südlich davon die Poebene, Mittelmeer zu beiden Seiten des Stiefels, zwischendurch sehenswerte Städte mit viel historischer Bausubstanz – soweit mein Überblick. Erst bei der groben Routenplanung wurde mir bewusst: Ein gar nicht so kleiner Gebirgszug zieht sich einmal quer durch Italien, der Apennin. Um weiter nach Süden zu gelangen, bleibt mir also nichts anderes übrig, als ihn zu überqueren.

Von Bologna aus zieht sich das Tal des Flusses Reno recht gemächlich gen Süden. Dank der Autobahn, die einige Kilometer weiter östlich über die Berge führt, ist die Landstraße im Renotal nicht so stark befahren. Das Navi lotst mich außerdem immer wieder durch die Dörfer – allerdings nicht immer zu meiner Freude, denn nur zu oft bedeutet das auch unsanfte Anstiege. Nicht nur einmal schiebe ich meine rund 40 Kilogramm Rad und Gepäck ächzend den Berg rauf und wundere mich, wie ich es so bis auf knapp 1000 Meter über dem Meer schaffen will.

Nach den letzten Tagen im Flachland freue ich mich jedenfalls, den Blick über die größtenteils bewaldeten Hänge schweifen zu lassen, das Panorama ist großartig. Ansonsten gleicht die Gegend ein bisschen dem Niemandsland zwischen Ferrara und Bologna: Wenige Menschen, viele verfallene Häuser und noch nicht einmal geschlossene touristische Infrastruktur, sondern generell wenige Spuren von Tourismus. Dass das eine Herausforderung werden könnte, wird mir jedoch erst am späten Nachmittag bewusst, als die Sonne langsam hinter den Gipfeln verschwindet und die feuchte Luft unangenehm kalt wird. Eine heiße Dusche und ein kuscheliges Bett, das wäre ein hervorragender Tagesabschluss – doch als ich das weit und breit einzige, laut Website auch geöffnete Bed & Breakfast endlich erreiche, verweist mich die Dame via Sprechanlage an den einige Kilometer und Höhenmeter zurückliegenden Campingplatz. „Draußen schlafen kann ich auch ohne Campingplatz“, denke ich mir und radle trotzig weiter – zurück fahre ich sicher nicht. Es beginnt langsam zu dämmern und ich bin einigermaßen verzweifelt, denn die Hänge in dieser Gegend sind steil und in den wenigen Häusern, an denen ich vorbeikomme, brennt kein Licht – irgendwo um einen Schlafplatz bitten, ist also auch keine Option. Meine Rettung ist schließlich ein zugewachsener Wanderpfad entlang eines kleinen Flusses – dem folge ich für etwa 300 Meter, bis ich schließlich einen brauchbaren Platz für mein Nachtlager finde: Eben und ohne Dornen, blickgeschützt und dank des Flusses sogar mit Waschgelegenheit (wenn auch eisig kalt). Dank meiner ausgetüftelten kulinarischen Vorratshaltung ist sogar das Abendessen recht dekadent und pünktlich zum Schlafengehen schiebt sich der fast volle Mond über die Berge. Richtig gemütlich ist die Nacht dann zwar nicht und meine Zehen bleiben kalt, bis ich endlich die nächsten Höhenmeter bergauf strample – aber insgesamt bin ich doch zufrieden mit meinem kleinen Abenteuer.

Je weiter ich mich schließlich nach oben kämpfe, umso ekelhafter wird das Wetter: Erst sind es nur graue Wolken, die in den Baumwipfeln hängen, bald feiner Sprühregen aus allen Richtungen. Immerhin kann ich so nicht sehen, wie steil sich die Straße nach der nächsten Kurve nach oben windet – ich sehe nämlich nur maximal 50 Meter weit. Bis ich am frühen Nachmittag endlich den höchsten Punkt meiner Route erreiche, treffe ich genau drei Menschen. Der Pass selbst ist unspektakulär, laut GPS befinde ich mich auf 991 Metern Höhe. Umso mehr Spaß macht dafür die Abfahrt: Die knapp 1000 Höhenmeter geht fast am Stück und in steilen Serpentinen bergab. Sofern der Straßenbelag das zulässt, pfeife ich mit 40 bis 50 Stundenkilometern den Berg hinab und damit auch endlich wieder raus aus den grauen Wolken.

Von Prato bis Florenz warten dann noch rund 35 zumeist ebene, aber unspektakuläre Kilometer auf mich. Die Fahrt zieht sich etwas in die Länge, aber die Vorfreude auf eine Dusche im Hostel treibt mich an.

Wie schon in den letzten Tagen bin ich dann leider überhaupt nicht vorbereitet für meinen abendlichen Stadtspaziergang – und entsprechend überwältigt, als ich plötzlich vor der Cattedrale die Santa Maria del Fiore stehe. Bilder von der Kuppel der florentinischen Kathedrale hatte ich vage im Hinterkopf, die grün-weiße Marmorfassade ist allerdings völlig unerwartet. Um die Tageszeit darf man das Gotteshaus leider nicht mehr betreten, doch auch von außen gibt es so viele Details zu bestaunen, dass ich eine ganze Weile beschäftigt bin. Die Stadt und ihr Flair gefallen mir sehr gut und es geht deutlich weniger hektisch als in Bologna zu. Tagsüber radeln, abends ein Stadtrundgang und ausgezeichnete italienische Küche – ja, so lässt es sich leben.

Irgendwo nach Bologna
Irgendwo nach Bologna

Brücke über das Renotal
Brücke über das Renotal

Der Reno
Der Reno

Den Fluss begleite ich eine Weile lang - auch auf matschigen Pfaden in Ufernähe...

Den Fluss begleite ich eine Weile lang - auch auf matschigen Pfaden in Ufernähe...

Panorama im hügeligen Apennin
Panorama im hügeligen Apennin

Zugegeben, steil sieht es definitv nicht aus. Ist es zu diesem Zeitpunkt ja auch meistens nicht - außer dem Straßenbaumeister ist zu spät eingefallen, dass dieses eine Dorf ja doch auch erreichbar sein sollte (so kommt es mir zumindest vor, wenn ich mich Straßen mit gefühlt 20% Steigung hochschinde, um keinen Kilometer später alles wieder bergab zu sausen)

Zugegeben, steil sieht es definitv nicht aus. Ist es zu diesem Zeitpunkt ja auch meistens nicht - außer dem Straßenbaumeister ist zu spät eingefallen, dass dieses eine Dorf ja doch auch erreichbar sein sollte (so kommt es mir zumindest vor, wenn ich mich Straßen mit gefühlt 20% Steigung hochschinde, um keinen Kilometer später alles wieder bergab zu sausen)

Viel los ist hier nicht
Viel los ist hier nicht

Ob es an der Jahresezeit oder an der Gegend liegt, weiß ich nicht so recht zu sagen; viel los ist am Apennin jedenfalls nicht. Wenn man Menschen trifft, dann allerdings in geschätzt 75% der Fälle in einem Fiat Panda 4x4 - so viele wie in diesen zwei Tagen habe ich noch nie gesehen.

Ob es an der Jahresezeit oder an der Gegend liegt, weiß ich nicht so recht zu sagen; viel los ist am Apennin jedenfalls nicht. Wenn man Menschen trifft, dann allerdings in geschätzt 75% der Fälle in einem Fiat Panda 4x4 - so viele wie in diesen zwei Tagen habe ich noch nie gesehen.

Mein Schlafplatz
Mein Schlafplatz

Nicht wie geplant, aber durchaus akzeptabel: Mein Schlafplatz in der Wildnis.

Nicht wie geplant, aber durchaus akzeptabel: Mein Schlafplatz in der Wildnis.

Langsam wird es steiler
Langsam wird es steiler

... und die Wolken kommen auch schon näher...

... und die Wolken kommen auch schon näher...

Sicht?
Sicht?

Wer muss schon sehen, wo er in 100 Metern langfährt? Ist ja eh nicht mal jemand unterwegs, mit dem man kollidieren könnte.

Wer muss schon sehen, wo er in 100 Metern langfährt? Ist ja eh nicht mal jemand unterwegs, mit dem man kollidieren könnte.

Geschafft!
Geschafft!

Der vorerst höchste Punkt meiner Reise ist erreicht: 991 Meter über den Meer. Tatsächlich aufwärts gefahren bin ich seit Bologna allerdings schon 1400 Höhenmeter

Der vorerst höchste Punkt meiner Reise ist erreicht: 991 Meter über den Meer. Tatsächlich aufwärts gefahren bin ich seit Bologna allerdings schon 1400 Höhenmeter

Grandiose Aussicht am Pass
Grandiose Aussicht am Pass

Für den Ausblick hätte man allerdings wirklich nicht hier rauf fahren müssen. Die Abfahrt macht dafür alles wett.

Für den Ausblick hätte man allerdings wirklich nicht hier rauf fahren müssen. Die Abfahrt macht dafür alles wett.

Florenz
Florenz

Wow, was für eine hübsche Kathedrale da plötzlich vor mir steht! (denke ich, komplett unvorbereitet in Florenz)

Wow, was für eine hübsche Kathedrale da plötzlich vor mir steht! (denke ich, komplett unvorbereitet in Florenz)

Florenz
Florenz

Auf meinem zweistündigen Spaziergang durch Florenz finde ich noch viel mehr sehr hübsche Gebäude. Wenn man von der Straße nach oben blickt, kann man hintern den Fenstern oft prunkvolle Deckengemälde erahnen.

Auf meinem zweistündigen Spaziergang durch Florenz finde ich noch viel mehr sehr hübsche Gebäude. Wenn man von der Straße nach oben blickt, kann man hintern den Fenstern oft prunkvolle Deckengemälde erahnen.

Florenz
Florenz

Cattedrale die Santa Maria del Fiore

Cattedrale die Santa Maria del Fiore

0
Reisetage bisher
0
Geradelte Kilometer bisher

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