Im Paradies – mit Tücken

Schon bevor ich das italienische Festland in Livorno überhaupt in Richtung Korsika verlasse, habe ich komische Bauchgefühl, dass alles irgendwie kompliziert werden könnte. Vielleicht liegt es daran, dass mir viereinhalb Stunden auf der Fähre bevorstehen und mein Tagesziel nicht allein von Muskelkraft und fahrradfahrerischem Können abhängt; vielleicht auch daran, dass sich die Unterkunftssuche schon von Beginn an schwierig gestaltet, denn das einzige Hostel auf ganz Korsika hat an jenem Sonntag nicht geöffnet.

Wie auch immer: Wie während meines ganzen Aufenthalts auf der Insel, weiß Korsika sich auch bei meiner Ankunft von seiner kitschigsten Seite zu zeigen. Als die Fähre in der Abenddämmerung in der Hafenstadt Bastia an der Nordostküste einläuft, gehen die ersten Lichter entlang der Promenade an, im Hintergrund schiebt sich eine mächtige Wolkenfront über die Berggipfel, der Himmel ist zartrosa getüncht. Vor lauter Staunen (und Fotografieren) verpasse ich fast, dass wir schon angelegt haben und fast alle das Schiff schon verlassen haben…

Mangels Alternativen habe ich mir via Airbnb eine Nacht in der überdekorierten Wohnung einer älteren Dame gebucht – dass wir uns nur mit Händen und Füßen über das Nötigste verständigen können, weil sie nur Italienisch und Französisch spricht (was ich zwar beides zumindest ansatzweise verstehen, aber nicht sprechen kann), macht die Erfahrung nicht unbedingt besser. Am nächsten Tag sind meine fehlenden Französischkenntnisse aber erstmal in den Hintergrund gerückt – denn auf Grund des irre starken Windes kann man sich zumindest draußen sowieso nicht unterhalten. Zwar fliegen auf Korsika keine Trampoline durch die Luft (wie ich in den Nachrichten aus Norddeutschland gesehen hab), aber am Fahrradlenker muss ich mich trotzdem gut festhalten, um nicht einfach umgewippt zu werden. Praktisch: Der Wind kommt aus Norden und ich fahre die meiste Zeit des Tages nach Süden und habe somit Rückenwind. Als ich nachmittags doch eine Windpause brauche, bringt mich mein Rad zielsicher zum besten Unterschlupf, den man sich vorstellen kann: Ein Betonrohbau einer Villa, direkt am Strand, ohne Zaun und unversperrt. Die Black Pearl hält also ihr Versprechen (für alle die jetzt verwirrt sind: ich habe mein Rad „Black Pearl“ genannt in Anlehnung an ebenjenes Schiff im „Fluch der Karibik“, das seine Besitzer an die Orte bringt, die sie am meisten benötigen).

Für die nächsten Tage habe ich mir vorgenommen, gemütlich entlang der Ostküste nach Süden zum Hafen von Bonifacio zu fahren. Etappen festzulegen erscheint sinnlos – die vielen wunderschönen Strände entlang der Strecke hätten jeglichen Zeitplan ohnehin nur zunichte gemacht. So werden es also sehr gemütliche Tage, an denen ich viel Zeit an einsamen Sandstränden mit türkisblauem Wasser verbringe, Baguette um Baguette mit korsischer Wildschweinpastete oder Ziegenkäse verzehre, in den Tag hinein lebe und es mir gut gehen lasse.

Im „Paradisu“, wie die Korsen ihre Insel gerne nennen, warten allerdings auch ein paar Tücken: Um diese Jahreszeit ist auf Korsika noch nicht einmal Nebensaison, sondern einfach gar keine Saison. Dementsprechend komme ich zwar an dutzenden Campingplätzen und Hotels vorbei, doch die „ouvert“-Schilder sind ebenso wie die Angaben der Öffnungszeiten auf Google fast immer irreführend. Zweimal kann ich mir im Laufe des nachmittags noch kurzfristig eine Schlafgelegenheit über Couchsurfing und Warmshowers organisieren. Krzysztof und Chloe nehmen mich in ihrem kleinen Häuschen auf und servieren fantastische Crêpes, Wein, Käse und Wurst aus Korsika. Mit Loïc und Anna verbringe ich einen abwechslungsreichen Spieleabend und erfahre viel darüber, wie die Korsen so ticken. Dann wird es allerdings mager in Sachen Schlafmöglichkeit, ich entscheide mich spontan für eine Strandübernachtung, nachdem ich die Halbinsel „Punta Capicciola“ auf der Karte als geeigneten abgeschiedenen Fleck auserkoren habe. Zum Glück ist der Strand dort über und über mit trockenem Seegras bedeckt: Meine Isomatte beschließt nämlich an diesem Abend, dass hier ein schöner Platz zum Sterben ist. Das Ventil löst sich von der Matte, Reparieren unmöglich. Immerhin hat sie eine weite Reise hinter sich, gekauft hatte ich sie 2015 in Neuseeland. Mit viel Klebeband schaffe ich ein Provisorium, vor allem aber bastle ich mir aus dem Seegras eine einigermaßen weiche Unterlage.

Im lokalen Sportgeschäft finde ich zum Glück adäquaten Ersatz, der allerdings nicht wie geplant gleich zum Einsatz kommt (haha, zu diesem Zeitpunkt hab ich noch versucht Pläne zu machen, was für ein Unding…). Denn nachdem das Isomatten-Problem gelöst ist, scheint mir auch mein Vorderreifen schon seit dem Morgen in etwas mauem Zustand. Also aufpumpen und hoffen, es wenigstens noch bis zum Tagesziel – Bonifacio – zu schaffen. Als ich die letzten Meter bergab in die malerische Hafenstadt rolle, verabschiedet sich der Reifendruck doch erheblich, ohne Schlauchwechsel geht es also vorerst nicht weiter. Das funktioniert zwar einwandfrei, das Problem allerdings: Ich hatte vor, mir auf den Klippen oberhalb von Bonifacio einen Schlafplatz in der Maggia zu suchen, muss aber erst noch Wasser auftanken, um genug zum Kochen zu haben, da es dort keine Quelle jeglicher Art gibt und mittlerweile dämmert es schon. Also rauf in die Altstadt nach Bonifacio und zielstrebig zum Friedhof (im Zweifelsfall die sicherste Option, um Wasser zu finden). Doch die Dunkelheit war schneller als ich, einen (im besten Fall auch windgeschützten) Schlafplatz auf den doch unwirtlichen Klippen zu finden, ist in der Finsternis vollkommen unmöglich. Als ich schließlich doch im Hotel einchecke, bin ich so erleichtert wie schon lange nicht mehr. Dass ich dort dann doch noch einige Nächte verbringe, war trotzdem nicht geplant… Davon dann im nächsten Beitrag mehr! (Den ich hoffentlich sehr bald schreibe.)

Auf dem Weg von Pisa nach Livorno
Auf dem Weg von Pisa nach Livorno

Kann man hier etwa mit der Luxusyacht direkt bei Ikea vorfahren...?

Kann man hier etwa mit der Luxusyacht direkt bei Ikea vorfahren...?

Tschüss Italien!
Tschüss Italien!

Blick von der Fähre zurück nach Livorno - lange hält man es auf Deck aber wegen des Windes nicht aus.

Blick von der Fähre zurück nach Livorno - lange hält man es auf Deck aber wegen des Windes nicht aus.

Hallo Bastia!
Hallo Bastia!

Blick auf die Altstadt

Blick auf die Altstadt

Hallo Kitsch!
Hallo Kitsch!

Dämmerung und grandiose Lichtstimmung bei der Ankunft in Bastia

Dämmerung und grandiose Lichtstimmung bei der Ankunft in Bastia

Alter Hafen von Bastia
Alter Hafen von Bastia

Markant erhebt sich die Kirche Saint Jean Baptiste über dem alten Hafen.

Markant erhebt sich die Kirche Saint Jean Baptiste über dem alten Hafen.

Noch mehr Kitschfotos
Noch mehr Kitschfotos

Da kann man nicht widerstehen: mein erster Eindruck von Korsika ist zauberhaft.

Da kann man nicht widerstehen: mein erster Eindruck von Korsika ist zauberhaft.

Julia auf Korsika
Julia auf Korsika

Auf den Selbstauslöser ist Verlass - andere Menschen scheinen wahrlich vom Winde verweht

Auf den Selbstauslöser ist Verlass - andere Menschen scheinen wahrlich vom Winde verweht

Wind!
Wind!

Der "Étang de Biguglia" ist quasi ein flacher See mit vorgelagerter Sandbank - bei diesem Wind haben die Wellen aber sogar hier Schaumkronen.

Der "Étang de Biguglia" ist quasi ein flacher See mit vorgelagerter Sandbank - bei diesem Wind haben die Wellen aber sogar hier Schaumkronen.

Blick nach Norden zurück nach Bastia
Blick nach Norden zurück nach Bastia

Der perfekte Unterschlupf für eine Windpause
Der perfekte Unterschlupf für eine Windpause

Auf die Black Pearl ist Verlass! Einen besseren Pauseplatz hätte man sich nicht wünschen können

Auf die Black Pearl ist Verlass! Einen besseren Pauseplatz hätte man sich nicht wünschen können

Am Étang de Biguglia
Am Étang de Biguglia

Kein echter Radweg - sowas gibt es auf Korsika nämlich nicht...
Kein echter Radweg - sowas gibt es auf Korsika nämlich nicht...

Dafür erinnert mich der Holzsteg sehr an Neuseeland.

Dafür erinnert mich der Holzsteg sehr an Neuseeland.

Windpause
Windpause

Hier kann man wenigstens in Ruhe Pudding essen, ohne dass der vom Löffel geweht wird - ist zuvor nämlich wirklich passiert!

Hier kann man wenigstens in Ruhe Pudding essen, ohne dass der vom Löffel geweht wird - ist zuvor nämlich wirklich passiert!

Noch ein hübscher Pauseplatz
Noch ein hübscher Pauseplatz

Kitsch kann Korsika
Kitsch kann Korsika

Ostküste
Ostküste

Der Osten Korsikas gilt als eher unspektakulär: Während der Westen mit spektakulär felsiger Küste auftrumpfen kann, gibt es hier hauptsächlich lange, flache Sandstrände und weite Ebene vor den Bergen.

Der Osten Korsikas gilt als eher unspektakulär: Während der Westen mit spektakulär felsiger Küste auftrumpfen kann, gibt es hier hauptsächlich lange, flache Sandstrände und weite Ebene vor den Bergen.

Ob man da wohl noch schifahren kann?
Ob man da wohl noch schifahren kann?

Ich erfahre: im Moment leider nicht mehr, im tiefen Winter aber schon. Der höchste Berg Korsikas ist der Monte Cinto und der ist sogar 2.706 Meter hoch!

Ich erfahre: im Moment leider nicht mehr, im tiefen Winter aber schon. Der höchste Berg Korsikas ist der Monte Cinto und der ist sogar 2.706 Meter hoch!

Hinter den Blüten zu erahnen: Die kleine Isola di Montecristo.
Hinter den Blüten zu erahnen: Die kleine Isola di Montecristo.

Punta Capicciola
Punta Capicciola

Eine kleine Halbinsel, die ich mir auf der Karte als Tagesziel auserkoren habe.

Eine kleine Halbinsel, die ich mir auf der Karte als Tagesziel auserkoren habe.

Küche mit Meerblick
Küche mit Meerblick

Das Menü: In Meerwasser gekochte Spaghetti mit Kürbiskernpesto - ein Weihnachtsgeschenk aus der Steiermark, das es bis hierher geschafft hat!

Das Menü: In Meerwasser gekochte Spaghetti mit Kürbiskernpesto - ein Weihnachtsgeschenk aus der Steiermark, das es bis hierher geschafft hat!

Und mal wieder: Kitsch auf Korsika
Und mal wieder: Kitsch auf Korsika

Sonnenaufgang am Strand am Punta Capicciola

Sonnenaufgang am Strand am Punta Capicciola

Dafür muss ich mich noch nichtmal aus dem Schlafsack schälen
Dafür muss ich mich noch nichtmal aus dem Schlafsack schälen

Fotopause beim Zusammenpacken meines Nachtlagers
Fotopause beim Zusammenpacken meines Nachtlagers

Auch wichtig: die enorme Seetangschicht, dank der ich trotz kaputter Isomatte eine recht bequeme Nacht verbringe.

Auch wichtig: die enorme Seetangschicht, dank der ich trotz kaputter Isomatte eine recht bequeme Nacht verbringe.

Und noch ein herrlicher Sandstrand mit türkisblauem Wasser
Und noch ein herrlicher Sandstrand mit türkisblauem Wasser

Die Bucht heißt übrigens Santa Giulia

Die Bucht heißt übrigens Santa Giulia

Aussicht bei der Mittagspause
Aussicht bei der Mittagspause

Noch ein letztes Kitschfoto muss sein

Noch ein letztes Kitschfoto muss sein

Endlich in Bonifacio
Endlich in Bonifacio

Ja, auch da ist es kitschig - und das Rad bewährt sich mal wieder als Fotomodel.

Ja, auch da ist es kitschig - und das Rad bewährt sich mal wieder als Fotomodel.

0
Reisetage bisher
0
Geradelte Kilometer bisher

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert