Pisa – die Stadt, in der alle außer uns die gleichen Fotos machen

Konnte ich bisher hauptsächlich auf wenig befahrenen Straße gemütlich vor mich hin radeln, lerne ich an Reisetag neun viele wenig charmante italienische Haupt- und Schnellstraßen kennen. Die Strecke von Florenz nach Pisa folgt zunächst dem Fluss Arno. Doch da die italienischen Radfahrer ohnehin am liebsten mit dem Rennrad und auf der Straße unterwegs zu sein scheinen, haben die Kommunen nur auf kurzen Strecken in Radwege investiert. (Erkenntnisse an diesem Tag: Radfahren als Sport ist in Italien männlich und über 40 – in über einer Woche habe ich bisher genau eine Radfahrerin gesehen. Außerdem: Während „Ciclovias“ bequeme, asphaltierte Radwege sind, holpert man auf „Ciclopistas“ auf genau dem durch die Landschaft, nach was es klingt – regelrechten Pisten). Einziger Vorteil an dieser Streckenführung: Die gut 90 Kilometer sind wie im Nu geschafft, denn ich rase regelrecht mit durchschnittlich 20 km/h auf den von Pinien gesäumten Straßen dahin.

In einem Vorort von Pisa checke ich dann in einem Bed & Breakfast ein. Während ich auf meinen Besuch aus Österreich warte, genieße ich den Luxus, erstmals seit einer Woche kein Hostelzimmer zu bewohnen. Sogar meine Wäsche wird gewaschen. Bevor Pius und Alina pünktlich aus Innsbruck eintreffen, ist sogar noch Zeit für ein Nickerchen. Gemeinsam spazieren wir dann durch den kleinen Ort, essen wirklich fantastische Pizza und blödeln uns durch den Abend.

Nicht weniger spaßig geht es am nächsten Tag zu: Wir fahren ins Zentrum von Pisa und stehen wenig später auch direkt vor dem berühmten schiefen Turm. Interessant nicht nur, was für wahnsinnige technische Maßnahmen in den letzten Jahren durchgeführt wurden, um den Turm zu stabilisieren. Sondern vor allem, dass die Fahne oben in der Mitte des Turms senkrecht, also nicht parallel zum Turm steht.

Anders als viele Touristenfotos vermuten lassen, gibt es auf dem Piazza die Miracoli (Platz der Wunder) aber natürlich nicht nur den schiefen Turm. Dieser gehört als Glockenturm nämlich zum Dom Santa Maria Assunta, der bei genauer Betrachtung der Details mindestens ebenso schief ist, wie der Turm (eingeweiht wurde der Dom schon 1118 und ich finde, für sein beträchtliches Alter macht er dann doch eine gute Figur). Nebst vielen weiteren pompösen Details bei der Ausstattung, finde ich im Inneren des Doms ist vor allem die Kassettendecke des Mittelschiffs beeindruckend. Zum Ensemble auf dem Platz gehört zudem noch das Baptisterium und ein Friedhof, alles umgeben von wunderbar grünem Rasen. Den zu betreten ist an den meisten Stellen sogar verboten – was immerhin beim Fotografieren für praktische Freifläche vor den Gebäuden sorgt.

Das mit den Fotos ist dann ohnehin noch ein spezielles Thema für sich: In den sozialen Medien hat sich der Trend entwickelt, Fotos zu schießen, bei denen es dank der verschobenen Perspektive so aussieht, also würden die Protagonisten den Turm entweder stützen oder ihn zum Umkippen bringen. Auf den Fotos mag das einigermaßen lustig (oder: bescheuert…) aussehen, viel lustiger ist es allerdings, beim Entstehen der Fotos zuzusehen. Überall auf dem Gelände rund um den Turm wimmelt es von Leuten in grotesken Posen, die ohne die entsprechende Perspektive einfach nur lächerlich aussehen. Wir wollen bei diesem Klamauk nicht mitmachen, aber trotzdem zumindest ein paar wenige Fotos als Andenken schießen – sie werden spontan zur Antithese des perfekt für Social Media inszenierten Shots.

Schon einigermaßen erschöpft ziehen wir weiter durch die Altstadt Pisas und kosten uns durch Paninis, Marzipan und Gelato. Als wir am Ufer des Arno sitzend feststellen, dass wir einen Großteil auf der Liste der „10 Dinge, die man in Pisa sehen sollte“, schon abhaken können, beschließen wir einstimmig, genug vom städtischen Sightseeing zu haben.

Wir spazieren zurück zum Auto und fahren ans Meer nach Marina di Pisa. Badewetter ist zwar leider nicht, aber die salzige Luft tut unseren müden Köpfen gut. Eigentlich wäre uns schon nach Abendessen zu Mute, aber um kurz vor sechs ist daran in Italien noch nicht zu denken. Wirklich entscheidungsfreudig sind wir aber ohnehin nicht – bis wir dann endlich doch wieder in Pisa in einem Lokal sitzen und Pizza mampfen, vergehen noch fast zwei Stunden.

Für Pius und Alina neigt sich der Kurzurlaub am Sonntagvormittag auch schon wieder dem Ende zu. Während ich Richtung Livorno und Fährhafen aufbreche, geht es für sie wieder zurück nach Innsbruck.

Pisa
Pisa

Alina, Pius und ich vor dem schiefen Turm - das Stützen des Turms haben wir uns gespart.

Alina, Pius und ich vor dem schiefen Turm - das Stützen des Turms haben wir uns gespart.

Der Fluss Arno
Der Fluss Arno

Kein besonders hübscher Fluss, in diesem Abschnitt aber immerhin noch mit begleitendem Radweg.

Kein besonders hübscher Fluss, in diesem Abschnitt aber immerhin noch mit begleitendem Radweg.

Pisa Piazza Miracoli
Pisa Piazza Miracoli

Das gesamte Ensemble auf dem Platz der Wunder: Baptisterium, Kathedrale, Glockenturm und (heilige?) Wiese

Das gesamte Ensemble auf dem Platz der Wunder: Baptisterium, Kathedrale, Glockenturm und (heilige?) Wiese

Die Sache mit den Fotos
Die Sache mit den Fotos

Wir sind schon ziemlich erschöpft und haben keine Kraft mehr, den Turm für tolle perspektivische Fotos umzustoßen. Stattdessen haut er uns um.

Wir sind schon ziemlich erschöpft und haben keine Kraft mehr, den Turm für tolle perspektivische Fotos umzustoßen. Stattdessen haut er uns um.

Hallo Turm!
Hallo Turm!

Kathedrale von innen
Kathedrale von innen

Pius, Alina und Putzi - in Pisa
Pius, Alina und Putzi - in Pisa

Pius, Putzi und Alina
Pius, Putzi und Alina

Wenn das nicht perfekt ist
Wenn das nicht perfekt ist

Keine Ahnung wie, aber irgendwie findet Pius immer ein groß genuges Stück Holz, um es ins Meer zu werfen - selbst am sonst sehr ordentlichen Strand in Marina di Pisa.

Keine Ahnung wie, aber irgendwie findet Pius immer ein groß genuges Stück Holz, um es ins Meer zu werfen - selbst am sonst sehr ordentlichen Strand in Marina di Pisa.

Kassettendecke in der Kathedrale
Kassettendecke in der Kathedrale

Kathedrale von außen
Kathedrale von außen

Der Turm in all seiner Pracht
Der Turm in all seiner Pracht

Wir finden: Der Turm sollte nicht auf seine Schiefheit reduziert werden. Es gibt nämlich viele hübsche Details zu entdecken!

Wir finden: Der Turm sollte nicht auf seine Schiefheit reduziert werden. Es gibt nämlich viele hübsche Details zu entdecken!

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