Italienisches Niemandsland

652 Kilometer ist er lang und damit der längste Fluss Italiens: Der Po. Seinem Lauf folge ich fast einen ganzen Tag lang – aufwärts geht es dabei kaum. Der breite Strom scheint auf den letzten rund 100 Kilometern vor seiner Mündung in die Adria beinahe still zu stehen. Als breites blaues Band durchschneidet er die Landschaft, Brücken sind rar. Wer den Donauradweg kennt und ähnliches entlang des Pos erwartet, wird allerdings etwas enttäuscht: Ausgeschildert ist der Radweg zwar, doch die immer wieder sehr holprige Asphaltpiste ist über lange Strecken eine ganz normale (wenn auch kaum befahrene) Straße. Auch Bänke scheinen nicht zum gängigen Repertoire entlang italienischer Flüsse zu gehören, aber im Sattel sitzt es sich zumindest an Radltag 2 auch noch nicht allzu unbequem. Ich staune über die monotone, weite Landschaft und frage mich, was die Bewohner dieses Landstrichs wohl umtreibt.

Abends erreiche ich Ferrara, eine Stadt mit rund 133.000 Einwohnern etwas südlich des Hauptstroms des Po. Der gesamte historische Teil der Stadt ist von einer noch intakten Stadtmauer umgeben, die ich zwar im ersten Moment nicht als solche wahrnehme (von außen gleicht sie heute zumindest teilweise mehr einem grünen Hügel und ich bin zu konzentriert, auf der mit großen runden Steinen gepflasterten Straße das Gleichgewicht mit dem Rad zu halten, ohne vollkommen durchgerüttelt zu werden), die sich jedoch nicht als einzige imposante Sehenswürdigkeit herausstellt: Im Zentrum gibt es massives Kastell, umgeben von einem Wassergraben. Eine riesige Kathedrale dominiert den Marktplatz, wo anlässlich des Valentinstags dutzende Marktstände allerlei Leckereien verkaufen. Den Abend verbringe ich mit Michela (ebenfalls von Warmshowers), die fantastische Pasta kocht und mir anschließend bei einer kleinen Fahrradrunde (ohne Gepäck ist mein Rad und dessen Fahrverhalten nicht wiederzuerkennen!) die Stadtmauer zeigt.

Der nächste Tag bringt kaltes, graues Nebelwetter, welches das flache Niemandsland zwischen Ferrara und Bologna noch verlorener wirken lässt, als es wohl auch bei Sonnenschein schon wirkt. Hier gibt es keinen Fluss mehr, dessen Verlauf ich folgen kann, sondern nur große und kleine Straßen, die die trostlose Gegend durchschneiden. Ich sehe unzählige verfallenen Häuser – manche baufällige Ruinen, andere nie fertiggestellte Betonklötze. Bis auf eine fette Biberratte (Nutria), die völlig unerwartet am Rand eines kleinen Kanals sitzt und mich ebenso entgeistert ankuckt, wie ich sie, bleibt es unspektakulär. Die letzten Kilometer in die Großstadt Bologna hinein führt mich mein Navi dann zum Glück entlang eines (etwas stinkigen) kleinen Flusses, sogar ein wenig Sonne zeigt sich.

Wesentlich stressiger empfinde ich dafür dann Bologna selbst: Egal wo man in hinkommt, es wuselt und die Leute scheinen in Eile. Im Vergleich zu Ferrara ist zudem alles in Bologna riesig, allen voran die eindrucksvollen Arkadengänge in allen Straßen. Die Bögen ragen bis über den ersten Stock hinauf und bilden so breite hallenartige Gänge. Rund 40 Kilometer gibt es davon in der ganzen Stadt, sie zählen sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sowohl Säulen, Böden als auch Decken sind teils reich dekoriert.

Ansonsten gibt es große Plätze, eine Basilika, ein imposantes Rathaus, verschiedene Türme, eine Kathedrale… Ich bin an diesem Abend jedoch vor allem kulinarisch interessiert: In den Schaufenstern liegen riesige Parmesanleibe zur Schau, Schinken an Schinken hängen von der Decke, die Theken sind gefüllt mit hausgemachter Pasta. Bevor ich schließlich die typischen „Spaghetti Bolognese“ (wobei die bekannte Soße hier eher „al Ragu“ genannt wird) bestelle, gönne ich mir einige frische Scheiben Parmaschinken und kaufe gleich noch einen kleinen Vorrat als Proviant für die nächsten Tage.

Traumwetter am Po-Fluss
Traumwetter am Po-Fluss

Stadtmauer von Ferrara
Stadtmauer von Ferrara

Die Stadtmauer von Ferrara wäre heute in Sachen Verteidigung zwar nicht mehr so effizient - im ersten Vorbeifahren hab ich gar nicht bemerkt, dass das die Mauer war. Dafür ist sie in ihrer gesamten Länge rund um die Altstadt erhalten, historisch durchaus interessant und zudem ein tolles Naherholungsgebiet.

Die Stadtmauer von Ferrara wäre heute in Sachen Verteidigung zwar nicht mehr so effizient - im ersten Vorbeifahren hab ich gar nicht bemerkt, dass das die Mauer war. Dafür ist sie in ihrer gesamten Länge rund um die Altstadt erhalten, historisch durchaus interessant und zudem ein tolles Naherholungsgebiet.

Sonnenuntergang am Po-Fluss
Sonnenuntergang am Po-Fluss

Sonnenuntergang am Po-Fluss
Sonnenuntergang am Po-Fluss

Kitschiger wird es vorerst nicht (erst auf Korsika...)

Kitschiger wird es vorerst nicht (erst auf Korsika...)

Historisches Stadtzentrum von Ferrara
Historisches Stadtzentrum von Ferrara

Rechts im Bild die Kathedrale von Ferrara

Rechts im Bild die Kathedrale von Ferrara

Stadtmauer von Ferrara
Stadtmauer von Ferrara

Oh hallo!
Oh hallo!

Das war doch einigermaßen überraschend: Im Niemandsland zwischen Ferrara und Bologna sitzt plötzlich diese Biberratte neben dem Radweg.

Das war doch einigermaßen überraschend: Im Niemandsland zwischen Ferrara und Bologna sitzt plötzlich diese Biberratte neben dem Radweg.

Ferrara
Ferrara

Das Kastell von Ferrara, umgeben von einem Wassergraben

Das Kastell von Ferrara, umgeben von einem Wassergraben

Nomnomnom
Nomnomnom

Bologna überzeugt mich vor allem in kulinarischer Hinsicht: Läden wie diesen, in dem dutzende Schinken von der Decke hängen, Käselaibe und handgemachte Pasta die Theken füllen, gibt es hier reihenweise und direkt nebeneinander.

Bologna überzeugt mich vor allem in kulinarischer Hinsicht: Läden wie diesen, in dem dutzende Schinken von der Decke hängen, Käselaibe und handgemachte Pasta die Theken füllen, gibt es hier reihenweise und direkt nebeneinander.

Nomnomnomnom
Nomnomnomnom

Da fällt die Entscheidung, spontan ein bisschen Parmaschinken zu kaufen, nicht schwer...

Da fällt die Entscheidung, spontan ein bisschen Parmaschinken zu kaufen, nicht schwer...

Bologna
Bologna

Echter Städteurlauber werd ich wohl nie - hier noch ein Bild von der Piazza Maggiore und dem Rathaus in Bologna.

Echter Städteurlauber werd ich wohl nie - hier noch ein Bild von der Piazza Maggiore und dem Rathaus in Bologna.

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