Südliches Flair oder gar sommerliche Gefühle kommen zwar nicht auf, als im Hafen von Santa Maria Navarrese nach einer dreitägigen Regenpause aufbreche. Aber zumindest ein bisschen besser ist das Wetter schon geworden, die Vorhersage für die nächsten Tage klingt ebenfalls optimistisch. Also auf ins sardische Bergland, das sich in den beiden höchsten Gebirgen Gennargentu und Supramonte sogar bis auf 1834 Meter erhebt.
Bevor ich überhaupt nur in die Nähe dieser Berge komme, schickt mich mein Navi allerdings schon in die Wildnis. Dazu muss ich ein bisschen erklären: Seit Beginn der Reise navigiere ich mit der Proversion der Alpenvereinsaktiv-App und bin grundsätzlich auch ganz zufrieden mit dem, was die App kann und tut – bis auf ein paar Ausnahmen. Im Modus „Radfahren“ (anders als „Rennradfahren“) hat sie sich nämlich zum Ziel gesetzt, den Nutzer wann immer möglich weg von der Hauptstraße zu lotsen. Manche dieser Abstecher führen über ruhige, intakte (!) Nebenstraßen, was sehr löblich ist. Andermal jedoch findet man sich auf Schotterpisten oder Waldwegen wieder, während die Hauptstraße direkt und zumindest um diese Jahreszeit ohne viel Verkehr zum Ziel geführt hätte. Meistens nehme ich die vorgeschlagene Route deshalb erst genauer unter die Lupe und nehme manuelle Anpassungen vor, bevor ich starte. Für die kurze Tagesetappe hatte aber ein kurzer Blick auf den groben Routenverlauf genügen müssen – doch das „passt scho“ stellte sich als gröberer Fehler heraus.
Bereits skeptisch werden müssen hätte ich wohl, als ich durch ein verlassenes Gewerbegebiet radelte. Doch als ich endlich auf mein Bauchgefühl hören wollte, war ich bereits in einer langen, engen Privatstraße, deren rechte Seite ein endloser Zaun säumte. Zum Glück hinter diesem tauchten sofort drei riesige Hunde auf, die mir gefühlt kilometerweit kläffend hinterherhechelten. Als sie endlich außer Sichtweite waren, tauchten drei weitere Exemplare auf – dieses Mal kleiner und niedlicher, dafür ohne Zaun und leider nicht weniger aggressiv. Als ich die nervigen Viecher endlich abgehängt habe (es ging sogar leicht bergauf) bin ich längst so weit in der Pampa, dass Karte checken und Umkehren auch nicht mehr lohnt. So folge ich der vorgeschlagenen Route: Erst noch eine Sandpiste über Weideland, dann ein Pfad über die Wiese und schließlich nur noch Baumstümpfe, einige Häufchen abgelagerter Müll und eine Geröllhalde. Ein Weg ist das definitiv nicht, geschweige denn einer, den man mit 30 Kilo Gepäck am Fahrrad nehmen will. Da die rettende Hauptstraße aber zumindest nicht mehr allzu weit entfernt sein kann, wage ich mich in einer Art Bachbett mutig ins Gestrüpp, schaffe es sogar heil nach unten – nur um dann vor einer Leitplanke zu stehen. Also alles Gepäck abgeladen, Fahrrad drüber gehoben, alles wieder aufgeladen und schon geht die Reise weiter… Zu allem Übel setzt dann auch noch Nieselregen ein, aber in weiser Voraussicht hatte ich mir eine Option für eine kurze Tagesetappe zurecht gelegt.
Die Folgen meines kleinen Abstechers ins Unbekannte zeigen sich jedoch am nächsten Morgen: Nachdem es endlich aufgehört hat zu schütten und ich den besorgten Gastgeber des netten Bed & Breakfasts davon überzeugt habe, dass das Wetter im Tagesverlauf sicher besser wird und das schon in Ordnung ist, wenn ich jetzt losfahre, komme ich nicht besonders weit. Schon als ich das Rad in der dunklen Garage Richtung Ausgang schiebe, höre ich den unguten Sound von platten Reifen – im Licht am Tor sehe ich dann, dass es immerhin nur der Vorderreifen ist. Der Bruder des Gastgebers lässt es sich nicht nehmen, mir beim Flicken zu helfen, so lerne ich wieder ein bisschen italienisch. Als ich endlich wirklich startklar bin, beginnt es nicht nur zu Schütten, sondern auch noch zu Hageln. Nach einer halben ratlosen Stunde in der Garage schleppe ich meine sieben Sachen deshalb doch wieder rauf ins Appartement – der Gastgeber ist beruhigt.
Erster Zwischenstopp am nächsten Tag deshalb: Das laut Google Maps weit und breit einzige Geschäft, in dem sich Ersatzschläuche fürs Fahrrad kaufen lassen (die ich übrigens, toitoitoi, noch immer nicht gebraucht habe – Stand über einen Monat später in Kalabrien). Der Himmel ist nach wie vor wolkenverhangen und es ist ziemlich frisch, kein Wunder also, dass ich das helle Gestein auf den Gipfeln mancher Berge erst für Schnee halte. Als es ab einem (namenlosen?) Pass auf der SS198 wieder bergab geht, wird die Landschaft richtig spektakulär: Ein tiefes, enges Tal öffnet sich vor mir, an dessen Ende in der Ferne ein einzelner Tafelberg in den Himmel ragt. Weiter vorn klammert sich der Ort Gairo an den Hang, der eine tragische Geschichte birgt: Bei einem verheerenden Unwetter 1951 wurde ein Großteil des Dorfs durch eine Schlammlawine zerstört. Da die Bewohner uneins darüber waren, ob sie das neue Dorf ganz in der Nähe, weiter entfernt auf Felsen oder überhaupt an der Küste bauen sollten, entstanden drei neue Ansiedlungen. Der heutige Hauptort Gairo Sant’Elena liegt nur unweit von der heutigen Geisterstadt Gairo Vecchio ein Stück weiter hangaufwärts. Durch die Ruinen von Gairo Vecchio kann man heute noch spazieren: Ein kleines bisschen fühlt man sich zurück in die 1940er versetzt, wenn man durch die verlassenen Gassen geht oder sich in teils recht gut erhaltene Häuser wagt. Auffällig: Alle Fenster und Türen sind sorgsam ausgebaut, keinen einzigen Rahmen habe ich in den dutzenden Häusern entdeckt.
Schon von Gairo aus sieht man auf der anderen Talseite die bunten Häuschen von Osini und Ulassai, die förmlich am Hang zu kleben scheinen. In Ulassai will ich auch mindestens einen Tag verbringen, denn die Landschaft dort ist nicht nur spektakulär, sondern sogar kletterbar: Hier befindet sich eines der größten Klettergebiete Sardiniens, was ob der schieren Menge an wunderschönen Felswänden an freistehenden Tafelbergen auch kein Wunder ist. Ich habe Glück: Im Kletterhostel des Orts bin ich der einzige Gast und werde von der Leiterin und den freiwilligen Helfern gleich zu einem Klettertag am Folgetag eingeladen, fehlende Ausrüstung kann ich ausleihen. Sogar das Wetter ist perfekt, denn, so höre ich, in den letzten Tagen konnte man von den Felsen nicht viel sehen – und das, obwohl man von der Dachterrasse eigentlich einen rundum Blick auf mindestens drei verschiedene Klettergebiete in Laufdistanz hat und die Felsen zum Greifen nahe sind.
Mein Kletterglück wird dann allerdings von einem miesen Magen-Darm-Infekt schon am Nachmittag getrübt. Woher genau der herrührt kann ich mir nicht ganz erklären. Die Locals meinen, es könnte vielleicht das Leitungswasser sein, das einige von ihnen ebenfalls nicht gut vertragen. Die Symptome lassen zwar bald nach, aber ich habe quasi sämtliche Energie verloren und weder an Klettern noch an Radfahren ist in den nächsten Tagen zu denken. Aber zum Auskurieren gäbe es definitiv schlechtere Orte: So sitze ich also zwei Tage lang Pane Carasau (ein spezielles sardisches, hauchdünnes Trockenbrot) knuspernd auf der Dachterrasse in der Sonne und höre mir abends die Geschichten aus der lokalen Kletterszene an. Als meine Kräfte zumindest langsam zurückkommen, wage ich kleine Spaziergänge in den Canyon und zu den anderen Kletterfelsen, denn die Gegend rund um Ulassai ist wirklich beeindruckend und wunderschön.

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