Trotz fast einer Woche Zwangspause ist das Wetter in der Zwischenzeit nicht wirklich frühlingshafter geworden, stattdessen fröstelt man sich in den Bergen bei sieben Grad Celsius durch den Tag und hofft auf warme Kaminfeuer. Gleich nach dem Infekt noch weiter in die Berge vorzudringen erscheint mir deshalb keine besonders gute Idee und ich verwerfe den Routenplan, den ich mit meinen neuen Freunden in Santa Maria Navarrese geschmiedet hatte. Stattdessen orientieren sich meine Etappen in den nächsten Tagen an möglichst günstigen Unterkünften, weshalb ich (so wird mir später gesagt), an eher ungewöhnlichen Orten auf Sardinien Halt mache. Mir jedenfalls gefällt’s: Die Landschaft wechselt zwischen tiefen Schluchten und weiten Hochplateaus, fruchtbaren Talsohlen und karstiger Macchia. Ich komme durch verschlafene Orte, in denen der Tourismus eine eher untergeordnete Rolle spielt – das führt soweit, dass ich eines Abends mit der älteren Dame, die das Bed & Breakfast führt, in dem in jener Nacht übernachte, sardischen Kutteleintopf mit Bohnen und Artischocken esse. Denn als ich schon nach kurzer Zeit von meiner Suche nach irgendeinem offenen Lokal in dem doch verhältnismäßig großen Ort erfolglos zurückkomme, hat sie wohl Mitleid und lädt mich, mit ihr die Reste vom Vortag zu essen. Während wir zuerst noch Bohnen am Kaminfeuer pulen und ich an meinem Italienisch arbeite, läuft übrigens die deutsche endlos-Telenovela „Sturm der Liebe“ in italienischer Synchronisation im Fernsehen…
Keine Touristen bedeutet auch: Ich kann als weit und breit einziger Gast eine der am besten erhaltenen Nuraghen der Insel besuchen. Nuraghen sind etwas speziell sardisches: Die prähistorischen Bauwerke gibt es über die ganze Insel verteilt, sie stammen aus der Zeit von etwa 2200 bis 400 vor Christus. Wozu genau sie dienten – zum Beispiel als religiöse Stätten, zum dauerhaften Wohnen oder nur als Rückzugsort bei kriegerischen Auseinandersetzungen – darüber ist sich die Forschung uneins, da es keinerlei schriftliche Zeugnisse gibt. Funde aus der Nuraghenkultur gibt es in großer baulicher Vielfalt, von einzelnen, wenig erhaltenen Gebäuden bis hin zu komplexen, noch heute gut sichtbaren festungsähnlichen Anlagen und Siedlungen. Ich besuche die „Nuraghe Arrubiu“, die auf der offiziellen Tourismus-Seite Sardiniens als „eines der bedeutendsten vorgeschichtlichen Denkmäler des gesamten Westens, die imposanteste Megalith-Anlage der Insel, seltenes Beispiel einer erhaltenen Fünfeckbastion“ beworben wird. Der Name „Arrubiu“ bedeutet soviel wie „der Rote“ und ist auf die Flechten zurückzuführen, die die Steine bedecken und ihnen eine rötliche Farbe geben. Arrubiu wurde etwa 1500 v.Ch. errichtet und ca. 900 v.Ch. nach einem Teileinsturz verlassen. Danach wurde sie mehrmals wieder genutzt, unter anderem von den Römern, von denen man hier zwei Anlagen zum Weinkeltern fand. Die Anlage besteht aus fünf großen Türmen im Inneren, der größte davon war einst dreistöckig und rund 30 Meter hoch, heute misst er nur noch die Hälfte. Sie sind von einem Hof umgeben, an den weitere kleinere Türme in einer Art Verteidigungsring anschließen. All das besteht aus massiven Steinblöcken. Die Kunstfertigkeit, mit der die Menschen von damals es schafften, daraus Kuppeln und mehrstöckige Gebäude zu errichten, ist beeindruckend. Auf den Informationstafeln wird beschrieben, wie die Freilegung funktionierte und was dabei alles gefunden wurde – soweit ich das richtig verstanden habe, konnte man aus den verbrannten Brotkrumen sogar schlussfolgern, wie und mit welchen Zutaten gebacken wurde. Insgesamt also ein sehr lehrreicher und spannender Ausflug und zudem auch sehr hübsch anzusehen inmitten der blühenden Wiesen.
Ein weiterer Abstecher führt mich am Ende meiner Sardinientour noch auf die kleine Insel San Pietro, auch als „Thunfischinsel“ bekannt (Thunfische gibt es hier im Sommer wohl in Hülle und Fülle und entsprechende Festmahle nach dem Schlachten – zu dieser Jahreszeit weilen die Thunfische aber noch anderswo). Auf San Pietro gibt es eigentlich nur den Ort Carloforte mit gut 6000 Einwohnern, ansonsten sind über die 54km² große Insel hauptsächlich einzelne Ferienhäuser und kleine Gehöfte verteilt. Wie ich schnell herausfinde, gibt es auch nur zwei befestigte Straßen – auf einer der beiden fahre ich auch auf direktem Weg zum Capo Sandalo, dem westlichsten Punkt Sardiniens. Im Sommer kann man hier die seltenen Eleonora-Falken beobachten, die nur an sehr wenigen Plätzen im ganzen Mittelmeerraum nisten und deshalb unter strengem Schutz stehen. (Wie die Thunfische warten aber auch die Falken noch auf besseres und wärmeres Wetter auf Sardinien – eine gute Idee!) An diesem Nachmittag trudeln hier nur ein paar Möwen durch die Luft und wissen sich geschickt auf den teils freistehenden Felsen zu inszenieren. Wind und Wellen peitschen gegen die raue Steilküste, man fühlt sich ein bisschen, wie am Ende der Welt.
Eigentlich auf der Suche nach einem geeigneten Platz, um mein Zelt in diesem Niemandsland aufzustellen, finde ich noch weitere wirklich spektakuläre Felsformationen: In einer Art Wabenstruktur ist der Sandstein zu tausenden kleinen Höhlen und Löchern ausgefräst. Alles wirkt so kleinteilig und delikat, als könnte es jeden Moment zerbrechen und ist trotzdem sehr massiv. Hier könnte ich stundenlang fotografieren – aber leider ist es nicht mehr ewig hell und ich brauche einen Schlafplatz. Nach etlichem Suchen finde ich schließlich aber noch eine perfekt ebene Kuhle, gut geschützt vor neugierigen Blicken.
Ich hatte es bereits erwähnt: Es gibt auf San Pietro nur zwei befestigte Straßen. Das musste ich am zweiten Tag allerdings erst lernen. Denn beim Blick auf die Karte sehen die Verbindungen quer durch die kleine Insel eigentlich ganz brauchbar aus und ich will noch ein paar landschaftliche Highlights im Süden von San Pietro mitnehmen, statt auf direktem Weg zurück nach Carloforte zu radeln. Die ersten Kilometer ab der Abzweigung von der Hauptstraße sind vielversprechend betoniert, die auf dem Wegweiser angegebene Richtung: Paradiso. Doch als ich die größere Ferienhausansammlung hinter mir lasse, beginnt der Offroad-Spaß: Erst kann ich noch auf einer Sandpiste radeln und muss nur gelegentlich größeren Steinen ausweichen. Doch schon bald ist an Fahren nicht mehr zu denken und ich manövriere mein vollbeladenes Rad mühsam Meter um Meter durch Wasserrinnen von gerne einem halben Meter Tiefe, über scharfkantige, kindskopfgroße Steine und durch kratzige Macchia. Rings um mich: Nichts und niemand – also doch irgendwie paradiesisch. Als ich endlich und sogar pannenfrei eine asphaltierte Straße erreiche, bin ich aber doch erleichtert. Der Küstenabschnitt Mezzaluna und der kleine freistehende Fels „Le Colonne“, die in keinem Werbeprospekt über die Insel fehlen dürfen, sind dann aber doch noch ganz nett, wenn auch nicht wahnsinnig spektakulär (was vielleicht auch am immer wieder einsetzenden leichten Nieselregen liegt). In Carloforte irre ich dann noch ein bisschen durch die schmucken Gässchen und besuche die Piazza Repubblica – unter den uralten Bäumen trifft sich abends wohl der ganze Ort und verwandelt den Platz in ein großes wohliges Wohnzimmer.
Letztes Highlight auf Sardinien: Die Küstenstraße SP71, die sich in vielen Kurven ganz im Süden teils hoch über türkisblauem Wasser ihren Weg durch wunderschöne Landschaft windet. Ich entdecke sie mal wieder zufällig bei der Planung des nächsten Tages, finde bei der Recherche aber auch auf Listen von Dingen, die man auf der Insel unbedingt machen sollte, ganz oben. Der Tag startet zwar aprilmäßig durchwachsen, bringt dann aber doch noch unerwartet viele Sonnenstunden und damit fantastisch in allen Blautönen schimmerndes Wasser. Am Straßenrand wächst wilder grüner Spargel, von dem ich zwar schon gehört habe, der aber sonst recht schwierig zu finden war. Obwohl der Straßenverlauf einige Höhenmeter mit sich bringt, versuche ich (quasi dauergrinsend) beim Fahren jeden Moment in mich aufzusaugen und denke mir: So fühlt sich Glück an.
Die letzten Kilometer in die Hauptstadt Cagliari verlangen mir nochmal einiges ab: Mein alter Bekannter Gegenwind zeigt sich mal wieder in voller Stärke, dazu kommen gelegentliche Regenschauer, bei denen ich im riesigen Industriegebiet leider nie rechtzeitig einen schützenden Unterstand finde. Trotz Fahrt auf dem Randstreifen der zweispurigen Schnellstraße kann ich immerhin der Landschaft unmittelbar vor Cagliari noch einiges abgewinnen und die Flamingos in der Nähe beobachten – einmal fliegt sogar einer direkt über mir. Schließlich nächtige ich aber nicht in Cagliari, sondern lasse die große Stadt schnell hinter mir, um in Quartu Sant’Elena bei Luca, Silvia und ihren Eltern eine sehr schöne Zeit mit vielen anregenden Gesprächen zu verbringen. Außerdem bin ich in dieser Nacht besonders froh um den warmen Schlafplatz, denn als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster blicken, kann man auf den Gipfeln in der Ferne Schnee sehen. Bekannte der Familie, die nicht weit entfernt von Ulassai wohnen, wo ich noch vor Kurzem war, haben Bilder mit von Schnee bedeckten Artischockenfeldern gesendet… Viel Zeit, um die touristischen Attraktionen Cagliaris abzuklappern bleibt dann nicht, denn: Die Fähre nach Palermo, Sizilien wartet.
Entlang der Spiaggia del Poetto zeigt Italien, wie Infrastruktur ohne Auto funktionieren kann. Es gibt separate Spuren für Fußgänger, Jogger und Fahrradfahrer. Und entlang des ganzen natürlich jede Menge Gelato
Entlang der Spiaggia del Poetto zeigt Italien, wie Infrastruktur ohne Auto funktionieren kann. Es gibt separate Spuren für Fußgänger, Jogger und Fahrradfahrer. Und entlang des ganzen natürlich jede Menge Gelato
