Planlos im Bilderbuch

Da bin ich nun also: Zurück am italienischen Festland, zurück in Livorno, zurück an einem Ort, an den ich eigentlich gar nicht zurück wollte – und damit noch planloser, als ohnehin auf dieser Reise. Gab es bisher immer eine grundlegende Richtung, in der Route und Übernachtungsplätze gefunden werden mussten, weiß ich nun überhaupt nicht was ich will. Soll ich doch noch versuchen, nach Sardinien zu kommen? Soll ich einfach entlang der italienischen Küste gen Süden radeln? Oder mich doch lieber ins Landesinnere vorwagen?

Die drei Pausetage in Livorno bringen keine bahnbrechenden Erkenntnisse und verlaufen auch sonst eher unspektakulär. Einquartiert habe ich mich dort ja aber ohnehin eher zu regenerativen Zwecken und um ein paar Dinge zu erledigen. Berichtenswert deshalb nur: Livorno zählt zu den wichtigsten Hafenstädten Italiens. Touristen sind hier eher auf der Durchreise, zu sehen gibt es hier hauptsächlich das von ein paar Kanälen durchzogenen Viertel Venezia Nuova, eine eindrucksvolle Markthalle und den riesigen schwarz-weiß-kariert gepflasterten Platz „Terrazza Mascagni“. Meine Erlebnisse beschränken sich auf meinen allerersten Waschsalonbesuch (prompt eine Socke verloren…), köstliche Fish & Chips direkt am Hafen und die Entdeckung, dass es in Italien zumindest vereinzelt Lidlfilialen gibt – mit einem sehr ähnlichen Sortiment wie daheim, nur um etliche landestypische Leckereien erweitert.

Mein nicht vorhandener Plan führt mich zunächst einfach gen Süden entlang der Küste, die so ganz anders ist als auf Korsika. Zuerst begleitet von mehr Verkehr und einer Bahnlinie durch größere, aber unscheinbare Ortschaften. Später endlos durch verlassene Ferienressorts und entlang abgezäunter Badestrände, kilometerweit begleiten mich geschlossener Campingplätze und jegliche erdenkliche touristische Infrastruktur. Wie es hier, in den Badehotspots der Toskana, zur Hauptsaison im Sommer zugeht, will ich mir gar nicht vorstellen…

Eindrücklich dafür das „Riserva naturale Tomboli di Cecina“, ein 465 Hektar großes Naturschutzgebiet direkt an der Küste. Die Dünen am Strand gehen sofort über in dichten Pinienwald, in dem es sich angenehm radeln lässt. Der alte Baumbestand bildet ein dichtes Dach, durch das nur wenige Sonnenstrahlen ihren Weg finden, die breiten Pfade sind von einer weichen Nadelschicht bedeckt.

Terrazza Mascagni in Livorno
Riserva naturale Tomboli di Cecina
Pinien und Akazien überall, kilometerweit

Nach einer neuen kulinarischen Entdeckung – der Pinsa, einer Art ovalen Pizza mit dickerem Teig – geht es am nächsten Tag weiter Richtung Elba. Die Insel betrachte ich dann aber doch nur aus der Ferne und bestaune stattdessen echte Flamingos aus nächster Nähe, die in der seichten Aulandschaft nach Nahrhaftem picken.

Dass ich statt irgendetwas zu planen im Moment einfach alles dem Zufall überlasse, bewährt sich auch an diesem Tag: Kurz vor dem Badeort Follonica bohrt sich auf einer Schotterpiste eine Art überdimensionale Tackerklammer in meinen Hinterreifen, was zu akutem Luftverlust und damit einer etwas verzögerten Mittagspause führt. Als ich mit dreckverschmierten Händen endlich an meinem Brot knabbere (ein letzter Rest korsische Wildschweinpastete ist auch noch da), kommt Felix, ein junger Reiseradler aus den Niederlanden vorbei, der auch auf dem Weg gen Süden ist. Wer weiß, vielleicht kreuzen sich unsere Wege ja noch, denke ich mir.

Ab Follonica verlasse ich die Küste und radle durch eine Landschaft, die selbst die kitschigsten Bilder aus Toskana-Reisemagazinen noch übertrumpft. Schirmakazien und Säulen-Zypressen, sanfte Hügel voller Weinreben, goldgelbe Äcker und kleine Ortschaften mit engen Gässchen, kunstvollen Türmchen und schmucken Fassaden. Ich fühle mich, als würde ich durch eine überdimensionale Filmkulisse reisen oder mich in einem Bilderbuch umtreiben. Einziger Störfaktor in diesem Märchen: Die Wurzeln der Bäume der mächtigen Akazienalleen, die das Fahren auf diesen Straßen zu einem echten Erlebnis machen und die doch nicht unerheblichen Steigungen der „kleinen“ Hügel.

Dafür erwartet mich bei Saturnia ein ganz besonderes Wellnessprogramm: Die dortigen Thermalquellen lassen sich an den „Cascate del Mulino“ nämlich kostenlos genießen. Das türkisblaue, schwefelige, 37 Grad warme Wasser stürzt erst in einem Wasserfall an einer alten Mühle vorbei und fließt dann über natürliche Terrassen mit mehreren Becken. Sprich: Man kann dort wunderbar einfach nur faulenzen. Ich habe Glück mit dem Wetter, denn die Sonne scheint und es ist nicht allzu kalt. Entsprechend haben am Wochenende zwar auch viele andere Touristen und Einheimische dieselbe Idee, aber ein kleines Becken ganz für mich allein finde ich trotzdem immer wieder. Das Wasser selbst ist ein bisschen trüb und der Boden schlickrig und von kugelrunden Kalksteinen (?) bedeckt, außerdem gibt es winzige rote Würmer im Wasser, die aber harmlos sind. Bekannt sind die Quellen schon seit 3000 Jahren und schon die Römer kamen nach Saturnia, um die heilende Wirkung des Wassers für sich zu nutzen.

Gerne würde ich einfach direkt neben den Saturniafällen mein Zelt aufschlagen – da das verboten ist, muss ich doch weiterradeln.  Unterwegs komme ich noch zufällig an der Ruine einer Kirche aus dem 11. Jahrhundert vorbei (Canonica di San Bruzio), zu der es zwar leider keine weiteren Infos gibt, aber wo sich ungewöhnliche Fotos schießen lassen.

Toskana - schöner als im besten Werbemagazin
Saturniafälle - frei zugängliche thermale Quellen und willkommenes Wellnessprogramm
Canonica di San Bruzio aus dem 11. Jahrhundert

Einen wirklichen Plan, wo ich hinwill, habe ich immer noch nicht – aber immerhin den Lago di Bolsena als lohnendes Ziel und nächsten Zwischenstopp auserkoren. Der fast kreisrunde See mit 114km² (etwas weniger als ein Viertel des Bodensees) füllt eine ehemalige Caldera. Quasi vom Kraterrand kommend habe ich bei San Lorenzo Nuovo einen wunderbaren Blick auf den See, bevor ich an dessen Ufer einen gemütlichen Nachmittag verbringe (bei 4°Celsius Wassertemperatur ist an Baden allerdings nicht zu denken). Pünktlich zum Sonnenuntergang bin ich in der Altstadt des kleinen Orts Bolsena, es gibt malerische Gassen und eine verwinkelte Festung.

Nachdem Reiseradler Felix meinte, es sei im Moment „nur ein bisschen kalt“, wenn man im Zelt schlafe, versuche ich es also auch mal wieder mit Camping. Da das Ufer des Bolsenasees eigentlich überall frei zugänglich ist, finde ich auch ein hübsches Plätzchen. Einzig das dauernde Kläffen der Hunde in der Nachbarschaft sorgt für Kopfschmerzen am nächsten Morgen – vielleicht ist aber auch der Rauch Schuld, der um diese Jahreszeit überall in der Toskana aufsteigt, da die zahlreichen Olivenbäume zurückgeschnitten werden und das Grünzeug direkt an Ort und Stelle verbrannt wird.

Mittlerweile habe ich nun auch endlich entschieden, wie meine Reise weitergehen soll: Von Civitavecchia aus will ich einen zweiten Versuch unternehmen, mit der Fähre nach Sardinien zu gelangen. Vom Lago di Bolsena aus geht es also einen letzten Tag lang durch malerische toskanische Landschaft. In Tuscania finde ich vor einer Metzgerei am Straßenrand ein aufgespießtes gegrilltes Schwein – das Mittagessen ist damit auch gesichert. Eine weitere ausgedehnte Pause samt Gelato mache ich in der Altstadt von Tarquinia. Vom Hügel aus kann man endlich wieder das Meer sehen – ich war zwar nicht lange weg, aber ein bisschen vermisst habe ich es schon.

Da die Fähre von Civitavecchia nach Olbia über Nacht fährt und erst halb elf ablegen soll, versuche ich noch ein bisschen Zeit zu vertrödeln und finde zufällig das „Monumento Naturale La Frasca“ kurz vor Civitavecchia, ein ungewöhnliche Küstenlandschaft mit kleinteiligen, scharfkantigen Felsformationen.

Sonnenuntergang in Bolsena
Toskana-Idylle kann auch grün
Monumento Naturale La Frasca bei Civitavecchia

Auf die Fähre darf man dann zum Glück doch wesentlich eher als erwartet – davor gibt es allerdings noch ein Wiedersehen. Im Terminal in Civitavecchia treffe ich Felix, den Reiseradler aus den Niederlanden, der spontan auch seinen Plan geändert hat und nun dieselbe Fähre nach Sardinien nimmt. Auf dem riesigen Schiff ist das praktisch für uns beide, wir quatschen eine Weile lang, verdrücken unter schrägen Blicken der anderen Passagiere unsere diversen mitgebrachten Vorräte und finden schließlich einen guten Schlafplatz: Hinter den Sitzreihen der Schlafsessel, die man für die Überfahrt statt einer Kabine reservieren kann, lässt es sich im Schlafsack auf der Isomatte ganz gut aushalten – viel los ist auf der großen Fähre ohnehin nicht. Der nächste Morgen in Olbia startet ebenfalls entspannt: Dank einer Verspätung von einer Stunde können wir fast „ausschlafen“ und um sieben Uhr ist es dann sogar schon hell genug, um einen ersten Blick auf die sardischen Hügel zu werfen, die uns in den nächsten Wochen erwarten – allerdings wieder auf getrennten Wegen.

0
Reisetage bisher
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Geradelte Kilometer bisher
Canonica die San Bruzio
Canonica die San Bruzio

Selbstauslöserfertigkeiten vom feinsten

Selbstauslöserfertigkeiten vom feinsten

In Tarquinia
In Tarquinia

Blick von Tarquinia
Blick von Tarquinia

Mittagspause mal anders
Mittagspause mal anders

Frischer Schweinebraten aus Tuscania

Frischer Schweinebraten aus Tuscania

Sonnenuntergang an der Festung in Bolsena
Sonnenuntergang an der Festung in Bolsena

Frühling in der Toskana
Frühling in der Toskana

Saturniafälle
Saturniafälle

Glaube man sieht mir den Erholungseffekt an 😉

Glaube man sieht mir den Erholungseffekt an 😉

Riserva naturale Tomboli di Cecina
Riserva naturale Tomboli di Cecina

Fish
Fish

Frischer geht's nicht - sehr lecker!

Frischer geht's nicht - sehr lecker!

Monumento Naturale La Frasca bei Civitavecchia
Monumento Naturale La Frasca bei Civitavecchia

Am Lago di Bolsena
Am Lago di Bolsena

Sonnenuntergang am Lago di Bolsena
Sonnenuntergang am Lago di Bolsena

In der Altstadt von Bolsena
In der Altstadt von Bolsena

Blick auf den Lago di Bolsena
Blick auf den Lago di Bolsena

Es lässt sich zumindest erahnen, dass der See fast kreisrund ist. Er füllt eine ehemalige Caldera

Es lässt sich zumindest erahnen, dass der See fast kreisrund ist. Er füllt eine ehemalige Caldera

Frühlingsidylle in der Toskana
Frühlingsidylle in der Toskana

Saturniafälle, eingebettet ins toskanische Hügelland
Saturniafälle, eingebettet ins toskanische Hügelland

Saturniafälle
Saturniafälle

Saturniafälle
Saturniafälle

Julia, Wind
Julia, Wind

Saturniafälle
Saturniafälle

So richtig will der Frühling noch nicht überall Einzug halten
So richtig will der Frühling noch nicht überall Einzug halten

Hügel rauf, Hügel runter - die Städte in der Toskana liegen vornehmlich auf den Hügeln
Hügel rauf, Hügel runter - die Städte in der Toskana liegen vornehmlich auf den Hügeln

Canonica die San Bruzio
Canonica die San Bruzio

Canonica die San Bruzio
Canonica die San Bruzio

Toskanakitsch wie im Werbemagazin
Toskanakitsch wie im Werbemagazin

Direkt vor der Tür meiner Unterkunft

Direkt vor der Tür meiner Unterkunft

Frühling in der Toskana
Frühling in der Toskana

Hinterreifen wieder gefüllt - Zwischenstopp bei Follonica
Hinterreifen wieder gefüllt - Zwischenstopp bei Follonica

Schlecht zu erkennen, aber da stehen Flamingos in den Tümpeln!
Schlecht zu erkennen, aber da stehen Flamingos in den Tümpeln!

Und das direkt neben der Hauptstraße!

Und das direkt neben der Hauptstraße!

Noch mehr Pinien und Akazien
Noch mehr Pinien und Akazien

Riserva naturale Tomboli di Cecina
Riserva naturale Tomboli di Cecina

Riserva naturale Tomboli di Cecina
Riserva naturale Tomboli di Cecina

Frühling in der Toskana
Frühling in der Toskana

Terrazza Mascagni in Livorno
Terrazza Mascagni in Livorno

Markthalle in Livorno
Markthalle in Livorno

Schlafplatz auf der Fähre nach Olbia
Schlafplatz auf der Fähre nach Olbia

hinter diesen Sesseln schläft es sich sehr ruhig

hinter diesen Sesseln schläft es sich sehr ruhig

Selfies machen - definitiv meine Stärke
Selfies machen - definitiv meine Stärke

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