Sardinien: Vorsichtiges Kennenlernen

Auf Korsika habe ich gelernt, Höhenmeter zu bezwingen und auch in den Hügeln der Toskana waren ebene Strecken eine Seltenheit – die sardischen Berge schrecken mich also erstmal nicht ab. Das erschwert allerdings meine weitere Planung: Denn außer, dass ich nach Sardinien wollte, habe noch keine weiteren Entscheidungen für die nächsten Tage und Wochen getroffen. Im Gegensatz zu Korsika gibt es auf Sardinien aber nicht nur ein, zwei logische Routen zum Radfahren (auf Korsika: entweder der Küste entlang oder ins gebirgige Landesinnere Richtung Corte). Außerdem ist die Insel doch ziemlich groß und weil das elendige Hin- und Herschieben und Zoomen auf dem Handybildschirm mich wahnsinnig macht, beschließe ich in Olbia, mir ganz altmodisch eine Straßenkarte zu kaufen. Diese Idee in die Tat umzusetzen erweist sich jedoch als unmöglich: Weder am großen Kiosk- und Tabakwarenladen noch im Supermarkt oder im Outdoorgeschäft ist an solch eine Karte zu kommen. Also doch ratlos an der Promenade ins Handy starren und grübeln, in welche Richtung es denn nun grundsätzlich gehen soll. Als ein radbegeisterter Herr mir im Vorbeigehen rät, ich solle keinesfalls die wunderschöne SS125 verpassen, sehe ich das als Zeichen und breche kurzentschlossen zu eben dieser auf.

Die Fernverkehrsstraße ist auch unter dem Namen „Orientale Sarda“ bekannt und führt von der sardischen Hauptstadt Cagliari im Süden immer entlang der Ostküste bis ans Nordende der Insel. Highlight und auch bei Motorradfahrern beliebt ist vor allem der bergige Teil zwischen Dorgali und Baunei, den ich am zweiten Tag bewältige.

Doch auch der erste Tag auf der SS125 ist nicht übel: Vorbei an Badeorten mit klingenden Namen wie San Teodoro, Santa Lucia oder San Giovanni di Posoda geht es hauptsächlich in Küstennähe gen Süden. Die Landschaft ist karger und karstiger als zuvor in der Toskana oder auf Korsika, dafür gibt es schon mehr zarte Blüten am Straßenrand und auf Bäumen zu entdecken. Das Wetter ist diesig-trüb, oft frage ich mich, wo am Horizont das Meer aufhört und wo der Himmel beginnt, so verschwimmt alles. Einziger Minuspunkt an diesem Tag: Mit Böen von bis zu 50km/h bläst mir der Gegenwind ordentlich ins Gesicht. Das hätte ich bei der Planung meiner Tagesetappe von fast 100 Kilometern wohl besser berücksichtigen sollen… Fix und fertig komme ich schließlich im beschaulichen Galtellì an. Der Besitzer der kleinen Unterkunft weiß mich mit eigenem Wein aufzupäppeln und hat viel über seine sardischen Landsleute zu erzählen.

Blühendes Sardinien
Unterwegs auf der SS125
Galtellì

Gut gestärkt breche ich so zu meiner zweiten Etappe auf der Orientale Sarda auf – es geht steil bergauf. Von kurz über Meereshöhe kämpfe ich mich an diesem Tag bis auf 1017 Meter am Pass Ghenna e Silana, der bisher höchste Punkt seit Reisebeginn. Ein kurzer Zwischenstopp und „Dolci Tipici“, kleine landestypischen Leckereien aus der Bäckerei, bringen Motivationsnachschub, bevor ich ob der fantastischen Ausblicke ohnehin wie von selbst nach oben komme. Die Straße führt nämlich spektakulär in den Hang geschmiedet hoch oben entlang eines breiten Tals. An dessen Beginn befindet sich die „Gola die Gorropu“, ein malerischer Canyon, den man allerdings nur über eine lange Wanderung erreicht. Doch auch von oben ist die Landschaft wahnsinnig reizvoll und vor allem ganz anders, als alles bisher auf meiner Reise.

Bergab verlasse ich die SS125 zumindest kurzzeitig und passiere das Bergdorf Urzulei. Der Geruch von Kaminfeuer und Holzrauch liegt in der Luft, das Wetter wird zunehmend frisch und regnerisch.

Mein Tagesziel ist der Hafen von Santa Maria Navarrese. Über die Plattform Warmshowers habe ich mich dort mit Manu und Magda verabredet: Die zwei Münsteraner haben bei ihrer Fahrradweltreise das Leben auf Segelboot für sich entdeckt, wohnen seit nicht allzu langer Zeit auf ihrer „Midnight Sun“ und verdienen sich ihren Lebensunterhalt unter anderem mit Mathenachhilfe und Kitesurfunterricht.

Das ständige Schaukeln des Boots ist im ersten Moment noch ungewohnt für mich. Spätestens als die beiden mir zeigen, wie man die frischen Artischocken vom Markt richtig zubereitet und wir über unsere Reiseerlebnisse quatschen, lässt sich aber fast vergessen, dass man gerade keinen festen Boden unter den Füßen hat. Schnell lerne ich außerdem, dass zum Leben in so einem Hafen ein ständiges Miteinander zählt. Man lebt hier nicht isoliert auf seinem Boot, sondern trifft die anderen Überwinterer auf dem Weg zur Dusche, organisiert gemeinsam Einkäufe, beobachtet gespannt die Reparaturen auf den anderen Booten, steigt auf eine Tasse Kaffee in die Bäuche der benachbarten Schiffe hinab. So sind an diesem Abend Frieder und David aus Köln auf der Midnight Sun zu Gast. Die beiden sind vor ein paar Tagen mit dem Auto aus Düsseldorf angekommen, um Frieders Boot fit für die Segelsaison zu machen. Noch hängt es im Kran, bis die letzten Arbeiten erledigt sind.

Das Leben auf einem Segelboot im Hafen ist aber nicht nur gesellig – sondern zuweilen auch eng. Bei Manu und Magda habe ich zwar eine eigene kleine Schlafecke für mich, ansonsten gibt es aber eigentlich nur einen Raum, in dem sich alles Leben abspielt. Wegen des schlechten Wetters darf ich trotzdem eine zweite Nacht bei den beiden bleiben und bin sehr dankbar, denn draußen tost der Wind und peitscht der Regen aufs Deck. Als ich am Nachmittag die Wasserflaschen bei der nahegelegenen Quelle auffülle, treffe ich David – und werde prompt auf einen Kaffee, später Bier, Wein, Knabbereien und schließlich ein ganzes Abendessen auf Frieders Schiff, der „Kairos“ eingeladen. Als auch am folgenden Tag noch keine Wetterbesserung in Sicht ist, wechsle ich kurzerhand mein Quartier im Hafen: Damit Manu und Magda nach zwei Tagen in Gesellschaft wieder etwas mehr Ruhe haben und ich nicht im Regen aufbrechen muss, nehmen mich Frieder und David sehr gastfreundlich bei sich auf. Bei spannenden Unterhaltungen und lustigen Geschichten aus aller Welt kann ich dank Frieders umfassendem Sardinien-Wissen dann sogar einen groben Plan schmieden, was ich auf der Insel alles sehen möchte. Aber, so viel sei bereits gesagt: Es kam natürlich alles anders…

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Reisetage bisher
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Geradelte Kilometer bisher
Erste Eindrücke von Sardinien
Erste Eindrücke von Sardinien

Von der Fähre beim Anlegen in Olbia

Von der Fähre beim Anlegen in Olbia

Tag 1 auf der SS125
Tag 1 auf der SS125

Dolci Tipici
Dolci Tipici

Süßigkeiten wie diese gibt es günstig bei quasi jedem besseren Bäcker. Aus Erfahrung kann ich sagen: Sie steigern die Radfahrmotivation erheblich.

Süßigkeiten wie diese gibt es günstig bei quasi jedem besseren Bäcker. Aus Erfahrung kann ich sagen: Sie steigern die Radfahrmotivation erheblich.

Am Passo Ghenna e Silana
Am Passo Ghenna e Silana

Was auf dem Schild steht, kann man nur mit Müh' und Not erkennen

Was auf dem Schild steht, kann man nur mit Müh' und Not erkennen

Hinter dem Passo Ghenna e Silana
Hinter dem Passo Ghenna e Silana

Unterwegs auf der SS125
Unterwegs auf der SS125

Am Passo Ghenna e Silana
Am Passo Ghenna e Silana

Magda, Manu und Julia auf der Midnight Sun
Magda, Manu und Julia auf der Midnight Sun

Abends in der Midnight Sun
Abends in der Midnight Sun

David, Frieder, die Black Pearl und ich vor der Kairos
David, Frieder, die Black Pearl und ich vor der Kairos

Kakteen und Kühe kurz vor Santa Maria Navarrese
Kakteen und Kühe kurz vor Santa Maria Navarrese

Manchmal komm ich beim Fahren einfach nicht damit klar, wie schön Sardinien ist - das war so ein Moment, in dem ich einfach nur gestaunt hab

Manchmal komm ich beim Fahren einfach nicht damit klar, wie schön Sardinien ist - das war so ein Moment, in dem ich einfach nur gestaunt hab

Das Wetter überzeugt nicht, dafür ist die Straße in top Zustand
Das Wetter überzeugt nicht, dafür ist die Straße in top Zustand

Tag 2 auf der SS125

Tag 2 auf der SS125

Auf dem Weg von den Bergen nach Santa Maria Navarrese
Auf dem Weg von den Bergen nach Santa Maria Navarrese

Unterwegs auf der SS125
Unterwegs auf der SS125

Blick zum Eingang der Gola di Gorropu
Blick zum Eingang der Gola di Gorropu

Panorama nach dem Passo Ghenna e Silana in Richtung Südosten
Panorama nach dem Passo Ghenna e Silana in Richtung Südosten

Julia und die Gola di Gorropu
Julia und die Gola di Gorropu

Unterwegs auf der SS125
Unterwegs auf der SS125

Blick von der SS125 ins Tal
Blick von der SS125 ins Tal

Unterwegs auf der SS125
Unterwegs auf der SS125

Sardisches Bergland
Sardisches Bergland

In Galtellì
In Galtellì

Blühendes Sardinien
Blühendes Sardinien

Stürmisches Wetter in Santa Maria Navarrese
Stürmisches Wetter in Santa Maria Navarrese

David nennt die Wellen "White Horses"

David nennt die Wellen "White Horses"

Rast an der SS125
Rast an der SS125

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